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Prolog: Das Ende eines schönen Tages

Im Grunde war es ein wirklich herrlicher Tag. Jedenfalls kam es uns allen so vor.
Der letzte Schnee war in der hellen, warmen Mittagssonne endgültig geschmolzen und die Blumen meinten, sie müssten um die Wette blühen. Überall roch es nach Pflanzen, nach dem Harz der Nadelbäume, nach dem frischen Gras und im Schatten des großen Kiefernwaldes auch nach Moos und sogar nach Pilzen und dergleichen. Die ersten Vögel kehrten schon aus ihren Winterquartieren zurück und allmählich begann das Tal am Lake Destiny wieder aus seinem Winterschlaf zu erwachen. Für die Menschen war an diesem Tag der 21. März, was uns Wölfe aber weder kümmerte, noch anging. Der kalendarische Frühling hatte nichts mit dem natürlichen zu tun und schon seit beinahe 12 Tagen taute es beständig. Der kristallklare See war angeschwollen und die spiegelglatte Oberfläche zeigte die Berge ringsumher, die immer mehr von ihrer weißen Pracht einbüßen mussten.
Kurzum, man konnte das einen perfekten Tag nennen. Vorausgesetzt, man kannte sein Ende nicht …

Wie der Rest des Rudels, lag ich auf einer etwas höher gelegenen Bergweise, denn der kalte See hatte sich ein schönes Stück Land erobert und Wiesen und Bäume unfreiwillig zu Wasserpflanzen gemacht.
Von hier oben hatte man einen herrlichen Ausblick über das gesamte Revier. Es war gewaltig und wunderschön. Umringt von einer Bergkette lag das Tal mit dem Silverbay See vor uns und nichts und niemand schien uns stören zu wollen. Menschen gab es hier nicht. Nur hin und wieder ein paar Wanderer, so nannten wir sie, die die Gegend erkundeten, aber sorgsam darauf achteten, nicht zu sehr aufzufallen. Menschen stellen sich in dieser Hinsicht äußerst ungeschickt an, aber da sie dem Rudel nie zu nahe gekommen waren und man hier Ärger vermied, solange das möglich war, ließ man sie gewähren.
Aber es waren nicht nur die Menschen, die uns hier gelegentlich über den Weg liefen, allerdings friedlich ihrer Wege gingen. Es gab hier auch Bären, die vor allem zur Lachssaison in den Norden zu den Flüssen zogen und oft am See rasteten. Aus Erfahrung, denn bis vor wenigen Monden war ich selbst ein Wanderer, weiß ich, dass sich Bären und Wölfe normalerweise nicht begegnen sollten, wollten sie Streit vermeiden. Doch in diesem Tal ließ man auch die Bären ihren Platz am See, zwar in vorsorglichem Abstand und mit aufmerksamen Blicken. Aber was die großen Zottel interessierte, war Fisch und solange wir ihnen und sie uns nicht zu nahe kamen, schien es auch die Bären nicht zu stören, dass sie sich ein Revier vorübergehend teilten.
In dieser Idylle war es schwer vorstellbar, dass wir Feinde haben konnten. Selbst ich, der von Natur aus eher misstrauisch und aufmerksam bin, habe mich von diesem Paradies hinreisen lassen und wie alle anderen, lag ich an diesem Tag im Gras und träumte neben meiner Gefährtin vor mich hin.

Die beiden Alphas, zwei ältere weise Wölfe, die ihr Leben schon länger verbrachten, als die Welt mich kennt, lagen ebenfalls etwas abseits. Lairos, der recht groß war und dunkel gemustertes Fell besaß, beobachtete die Jährlinge in ihrem Spiel und Toben auf der Wiese, während Ali, seine Gefährtin, ihren Kopf in seinen Nacken gelegt hatte und schlief.
Das Rudel war verhältnismäßig groß, doch das Revier bot Platz genug für alle und noch mehr.
Der Winter, so frühzeitig er auch geendet hatte, war hart und kalt gewesen und außer mir sind noch andere Wölfe in dieser Zeit zu dem Rudel gestoßen und hatten sich entschieden zu bleiben.
Ja, ganz recht. Ich war erst seit wenigen Monden bei den Wölfen des Lake Destiny. Seit drei, wenn ich mich recht entsinne. Es liegt in meiner Natur, zu wandern und nur der Schnee und die im Winter unüberwindbaren Berge hatten mich anfangs in diesem wunderbaren Tal gehalten. Die Herzlichkeit des Rudels und eine ganz besondere Fähe aber hatten das schnell geändert und eh ich es mich versah, war ich ein fester Teil dieser Gemeinschaft geworden und stolz darauf.
So lag ich also hier auf der Bergwiese, wie die meisten anderen Wölfe des Rudels auch, sah den Jährlingen, den Jungwölfen, die im Frühjahr zuvor auf die Welt gekommen waren, bei ihren kleinen Kämpfen zu und ließ mir wie die anderen Wölfe auch, die Sonne auf den Pelz scheinen.
Von dieser harmonischen Situation aus war es wirklich schwer vorstellbar, dass dieser Tag besser werden konnte. Und das sollte er auch nicht werden. Ganz im Gegenteil …

Ich kann nicht sagen, wer als erster aufgeblickt hatte. Ganz gleich, wer es gewesen war, es war ohnehin zu spät gewesen. Die Sonne blendete und das erste Zeichen, dass unser Verhängnis einlitt war ein Knacken, das ich niemals vergessen werde. Noch ehe die meisten Wölfe aufgestanden waren, prasselten die ersten steine auf uns nieder und der Berg begann zu wandern. Ich weiß nicht, was darauf genau geschah. Wir rannten alle um unser Leben, soweit es uns möglich war. Felsen, Steine und Schlamm waren uns auf den Versen, trachteten nach unserem Leben und begruben alles, was sie auf ihrem Weg fanden.
Die Wiese, auf der wir eben noch gelegen hatten, existierte nicht mehr, der Berge hatte sie eingefordert. Alles überschlug sich. Von den Felsen und Bäumen um uns her, bis zu meinem Herzschlag. Viele der Wölfe wurden von den Massen der Lawine begraben, weil sie nicht schnell genug waren, stolperten oder ins Nichts traten.
An Einzelheiten kann ich mich kaum noch erinnern, nur an das Tosen, das mir in den Ohren hallte, die Angst und die Gewissheit, nicht zu entkommen. Der Weg war ziellos, einfach weg von den Massen, die unaufhaltsam hinter uns her waren und nicht einmal der See bremste sie.

All das dauerte nur wenig hundert Herzschläge. Nur wenige Augenblicke waren nötig, um alles zu zerstören, was wir gehabt und geliebt hatten. Übrig blieb nur Staub. Er füllte die Luft und schien das ganze Tal eingenommen zu haben wie ein Leichentuch über dieser Katastrophe. Eine gewaltige Landzunge hatte sich ihren Weg über den Hang den Wald hinab bis zum See geschlagen und alles unter sich begraben. Die Oberfläche des Wassers kräuselte sich und das klare Spiegelbild war zerstört.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich umhergeirrt war. Ich weiß nur, dass es zu dämmern begonnen hatte, ehe ich meine Gefährtin und ein paar andere Wölfe gefunden hatte. Die körperlichen Verletzungen waren minimal und würden bald heilen. Die Wunden, die der Berg in unseren Seelen geschlagen hatte dagegen schienen niemals zu heilen wollen.
Am Ende dieses so wunderbaren Tages waren wir nur noch ein kläglicher Haufen dessen, was noch bei Sonnenaufgang stolz und friedlich hier gelebt hatte. Die Alphas waren ebenso fort, wie viele der Jungwölfe und in diesem Chaos aus Schmerz, Leid und Angst waren wir uns schnell einig, dass wir nicht hier bleiben konnten. Vielleicht hätte und das Revier weiterhin Schutz geboten, denn obgleich beinahe die Hälfte des gewaltigen Waldes vernichtet worden war, gab es Jagdgrund und Höhlen genug.
Aber das Revier hatte uns verraten und die Trauer und der Schmerz saßen zu tief, als dass wir uns hätten vorstellen können, hier länger zu bleiben.
Ich werde nie den Anblick vergessen, als ich mich ein letztes Mal danach umgesehen hatte. Traurig und erfolglos ragten einzelne Bäume aus der Lawine aus Schlamm und Stein, als wollten sie sich vergeblich dem Berg widersetzen. Auch in der kühlen, frischen Abendluft legte sich der Staub nicht und von höher gelegenen Orten aus sah die Schneise, die in den Wald geschlagen worden war wie eine frische aschgraue Wunde im dunkelgrünen Grund der Bäume aus. Totenstille hatte sich über das Tal gelegt. Nicht einmal der Wind wagte zu heulen und so schwiegen auch wir, als wir ihm endgültig den Rücken kehrten.

Wir wanderten knapp einen Mondlauf. Um genau zu sein, kamen wir am Neumond des nächsten Mondlaufes in diesem Tal hier an. Wir waren durch viele Täler und Wälder gezogen, hatten unterwegs auch andere Wölfe getroffen und dennoch nie beschlossen, uns niederzulassen. Es war, als verhöhnte uns der Berg immer noch. Doch nun war er nicht mehr in Sichtweite und vielleicht auch dies ausschlaggebend. Hier nun jedenfalls standen wir. Im engen Pass, der in das Tal hinab führte. Das Schmelzwasser, das auch die Lawine ausgelöst hatte, war nun zu Bächen und Flüssen angeschwollen und machte aus diesem Tal eine Ansammlung von Inseln um einen breiten Fluss im Norden, der sich in einen schier ebenso spiegelglatten, doch dunkleren See ergoss. Unter uns erstreckte sich ein gewaltiger Kiefernwald, der bis an die Ufer dieses ausgedehnten Sees reichte und als der Wind auffrischte, schien es, als sängen die Berge ein Lied.
Vielleicht war es dieses Lied, das uns dazu brachte, zu bleiben. Vielleicht war es auch einfach nur die Erschöpfung der Seele, die nach Ruhe und Einklang rief. Doch während wir den Abstieg ins Tal wagten, bildete sich in uns allen still und heimlich die Gewissheit, dass dies unser neues Revier war.
Wölfe schien es hier außer uns nicht zu geben, doch aus Berichten anderer Rudel, die unseren Weg gekreuzt hatten, wussten wir, dass dieser See Silverbay Lake hieß. Und tatsächlich war der Sand, der nun den Grund der vielen Teiche bildete, fein und silbern und glitzerte in der hellen Vormittagssonne.

 

Gezeichnet

Sirion Vorandir

24.1.08 19:45
 
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